22.06.2016

Vor 75 Jahren: Der Überfall auf die Sowjetunion war Auftakt für den Völkermord an den osteuropäischen Juden

Wir sind es den letzten Überlebenden des Holocaust schuldig, dass sie einen Lebensabend in Würde verbringen können.

Holocaust-Überlebende Sofia K. Foto: Marco Limberg

Krieg und Verfolgung brachen über die erst dreizehnjährige Sofia K. im Sommer 1941 herein, nachdem Nazi-Deutschland die Sowjetunion überfallen hatte. Sofia war das einzige Kind einer gläubigen jüdischen Familie und lebte in einem kleinen Schtetl in der Westukraine, in der Nähe der Stadt Zhitomir. In Sofias Familie wurden Jiddisch und Ukrainisch gesprochen. Sie wuchs in einem geborgenen familiären Umfeld auf, war eine eifrige Schülerin und gut in das Gemeinschaftsleben integriert.

Sofias Welt brach zusammen, als hinter der Heeresfront SS-Einheiten das Dorf besetzten. Alle jüdischen Männer wurden unter dem Vorwand, dass sie zur Arbeit nach Deutschland gebracht würden, gewaltsam zusammengetrieben. Es war das letzte Mal, dass Sofia ihren Vater sah. Die Männer wurden in einem nahe gelegenen Wald erschossen.

Mit Gewalt wurden Sofia und ihre Mutter in das Ghetto Zhitomir verschleppt. Von einem Versuch, aus dem Heimatdorf Kartoffeln zu holen, kehrte die Mutter nicht zurück. Auch sie wurde ermordet. In den Wirren der Liquidierung des Ghettos Zhitomir konnte Sofia fliehen. Aus der Ferne beobachtete sie die Räumung des Ghettos, und musste verzweifelt und hilflos mit ansehen, wie ihre Verwandten, Freunde und Nachbarn ermordet wurden. Gruppe für Gruppe wurde von den Einsatzgruppen und ihren Handlangern zu einer Schlucht getrieben, wo die Erschießungskommandos warteten. Sofia fragte sich: „Kann ich mit dem, was ich gesehen habe, weiterleben, oder ist es nicht besser, selbst zu sterben?

Sofia war allein und verzweifelt. Sie zog von Dorf zu Dorf, doch ihre Bitten um Hilfe wurden von der einheimischen Bevölkerung nicht erhört. Erst nach langen Tagen ungewissen Umherirrens fand sie ausgehungert und erschöpft Unterschlupf bei einer Ukrainerin, die sie bis zur Befreiung versteckt hielt. Dafür musste sie hart arbeiten. Die Angst entdeckt zu werden, war ihr ständiger Begleiter. Dank der Hilfe überlebte Sofia, ihre Retter, Kost und Annoschka Tesarsch, wurden von Yad Vashem als Gerechte unter den Völkern geehrt.

Am 22. Juni 1941 hatte das Deutsche Reich einseitig und ohne Ankündigung den Nichtangriffspakt, den die Diktatoren Hitler und Stalin 1939 wechselseitig geschlossen hatten, gebrochen. Der Überfall fand die Sowjetunion unvorbereitet. Die deutschen Truppen trafen zunächst nur auf geringen Widerstand und stießen weit auf das Gebiet der damaligen Sowjetunion vor. Der blutige Vernichtungsfeldzug gegen die Sowjetunion nahm seinen grausamen Verlauf. Furchtbar waren die Folgen für die jüdische Bevölkerung in den von deutschen Truppen eroberten Gebieten.

Bis zum Winter 1941 waren die westlichen Gebiete einschließlich der baltischen Staaten und wichtiger Metropolen wie Kiew und Minsk von den Deutschen besetzt; ihre Truppen standen vor Moskau. Von geflüchteten polnischen Juden gewarnt, flohen Hunderttausende Juden vor der heranrückenden Wehrmacht ins Innere der Sowjetunion. Dennoch fielen mehr als zwei Millionen sowjetische Juden in die Hände der Deutschen.

Hinter den Linien der Ostfront wüteten die sogenannten Einsatzgruppen, vier Spezialeinheiten der SS. Sie setzten sich aus SS-Leuten, der Polizei und aus der örtlichen Bevölkerung rekrutierten Hilfseinheiten zusammen. Anfangs wurden zumeist nur die jüdischen Männer erschossen, die Frauen und Kinder in Ghettos zusammengetrieben. Ab August 1941 wurde der Umfang der Erschießungen erweitert, Männer, Frauen und Kinder in nicht enden wollenden Massenerschießungen ermordet; etliche starben einen qualvoll langsamen Erstickungstod durch Motorenabgase. Auch die Vernichtung durch Giftgas wurde erprobt.

Nach dem Krieg studierte Sofia und arbeitete fast 40 Jahre lang als Buchhalterin in verschiedenen Betrieben und Einrichtungen bis sie 1983 in Rente ging. Ihr Ehemann verstarb im selben Jahr. Seitdem ist Sofia allein.

Heute lebt Sofia als einzige Jüdin ihres Dorfes in einem kleinen Holzhaus ohne Wasseranschluss in der Nähe von Zhitomir. Eine jüdische Gemeinde gibt es nicht mehr. Die Infrastruktur ist schlecht, die sozialen Bindungen schwierig. Sofia ist auf Hilfe angewiesen, denn es gibt keine staatliche Sozialfürsorge. Insbesondere nach einer Hüftoperation benötigt sie pflegerische Betreuung und Unterstützung bei der Haushaltsführung. Dafür sorgt eine Fachkraft vom Hesed Shlomo, die sich um Sofia kümmert und ihr die notwendige Unterstützung und Zuwendung gibt. Ohne diese Hilfe könnte Sofia vermutlich nicht überleben.

Dank eines Netzwerkes von jüdischen Sozialagenturen in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion (Hesedim), die mit Geldern der Claims Conference und der Bundesregierung finanziert werden, können bedürftige und gebrechliche Holocaust-Überlebende die dringend benötigte Betreuung erhalten.

Etwa die Hälfte der Holocaust-Überlebenden in aller Welt lebt heute unterhalb der Armutsgrenze ihrer jeweiligen Wohnländer, viele von ihnen zudem krank, gebrechlich und pflegebedürftig. Trotz hoher Mortalität wird der Betreuungsbedarf in den kommenden Jahren noch zunehmen, denn mit höherem Alter wächst auch der Pflegebedarf.

Wir sind es den letzten Überlebenden des Holocaust schuldig, dass sie einen Lebensabend in Würde verbringen können.