Zeitzeugnis: Aviva Goldschmidt

Photo: Marco Limberg

Zeitzeugnis: Aviva Goldschmidt

Photo: Marco Limberg

Kindheit im Versteck

Täglich aufs Neue erinnert sich Aviva Goldschmidt an die Ängste, die sie während ihrer Kindheit im Versteck durchlitten hat. Als kleines Mädchen lernen musste, dass jedes von ihr verursachte Geräusch Entdeckung und Tod bedeuten konnte. „Du darfst nicht weinen, Du darfst nicht lachen, Du darfst nicht sprechen, Du musst ganz still sein!“ Die ständigen Ermahnungen der Mutter hallen in ihrem Innersten bis heute nach. Sie retteten der kleinen Aviva das Leben. 

Aviva nach dem Krieg im Jahr 1950

Aviva Goldschmidt, geb. Tuch, überlebte den Holocaust als kleines Kind gemeinsam mit ihrer Mutter in verschiedenen Verstecken in der damals polnischen Stadt Boryslav, heute Ukraine. Ein Geräusch, ein Wort, ein Schluchzen hätten Mutter und Tochter verraten und den Tod für sie bedeuten können. Die mütterlichen Ermahnungen hatten sich Aviva so stark eingeprägt, dass sie selbst lange Zeit nach dem Holocaust nur geflüstert hat.

Am Internationalen Holocaust Gedenktag sprach Aviva Goldschmidt zu rund 100 Schülerinnen und Schülern in der Frankfurter Paulskirche im Rahmen eines von der Claims Conference organisierten Workshops. Aus diesem Anlass wurde eine Tafelausstellung zum Schwerpunkt Kinderüberlebende des Holocaust präsentiert. Aviva Tuch wurde 1938 in Boryslav geboren, wo sie mit ihren Eltern Mendel und Pinia und ihren älteren Geschwistern Cilla und Josef lebte.

Die Familie hatte ein gutes Auskommen. Avivas behütete Kindheit wurde abrupt unterbrochen, als Deutschland im Sommer 1941 die Sowjetunion überfiel. 

Am 27. Januar 2017, dem Internationalen Holocaust-Gedenktag, sprach Aviva in Frankfurt zu rund 100 Schülerinnen und Schülern über ihre Erfahrungen während des Holocaust. Foto: Rafael Herlich

Aviva berichtet Schülerinnen und Schüler

Mendel Tuch wurde zur Sklavenarbeit deportiert; seine Familie hat ihn nicht wiedergesehen. Später hörten sie, dass er erschossen worden war. Cilla konnte nach Osten auf das Territorium der Sowjetunion fliehen. Aviva und Josef kamen mit der Mutter ins Zwangsarbeitslager Boryslav, von wo ihnen die Flucht gelang. Bis zur Befreiung im August 1944 hielten sie sich an verschiedenen Orten in und um Boryslav versteckt. Eindrücklichster Moment der Erinnerung an diese Zeit ist für Aviva Goldschmidt das Gebot, sich im Versteck ruhig zu verhalten, keinen Laut von sich zu geben. Noch in den letzten Besatzungstagen wurde Avivas älterer Bruder Josef mit nur 20 Jahren von deutschen Soldaten erschossen.

Aviva Goldschmidt berichtete den Schulklassen, dass sie bis heute unter ihren Traumata leidet und dass die Erinnerungen an den Holocaust sie ständig begleiten. Ein Schüler wollte wissen, ob sie, als sie in den 50er Jahren nach Deutschland gekommen sei, Antisemitismus erfahren habe und wie sie die heutige Situation beurteile. Frau Goldschmidt erklärte, dass Antisemitismus in Deutschland heute offener gezeigt werde und dass sie über das Erstarken des Rechtspopulismus in ganz Europa besorgt sei. Sie appellierte an die Schüler, sich für die Demokratie einzusetzen. 

Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann legte in Aviva Goldschmidts Beisein einen Kranz zu Ehren der im Holocaust Ermordeten nieder. Foto: Rafael Herlich

Ausstellung "Jewish Child Survivors" in Frankfurter Paulskirche

Aus Anlass des Internationalen Holocaust Gedenktages zeigte die Claims Conference die Ausstellung „Jewish Child Survivors“ in der Frankfurter Paulskirche, ein Ort, den die Stadt Frankfurt und das Land Hessen zu wichtigen Anlässen nutzen. Gezeigt wurden Tafeln, die das Leid der Kinder anhand von Einzelbiografien, einschließlich der von Aviva, illustrierten.

In Anerkennung ihrer Verfolgung und ihres Leids erhält Frau Goldschmidt Zahlungen aus dem »Artikel 2-Fonds; desgleichen hat sie eine Einmalleistung aus dem »Child Survivor Fund bekommen.

Es ist wichtig, dass die Menschen, insbesondere junge Menschen, im Gedenken an die sechs Millionen ermordeten Juden Geschichten von Überlebenden wie Aviva hören können. Die krude Zahl von sechs Millionen ist meist zu groß, um sie zu erfassen. Die Geschichte eines kleinen jüdischen Mädchens jedoch, das so in Angst und Schrecken versetzt wurde, dass es auch Jahre nach dem Holocaust nur flüstern kann, löst einen Widerhall aus und bleibt den Leuten, die sie gehört haben, für immer im Gedächtnis.