19.05.2026

DIE CLAIMS CONFERENCE ERÖFFNET DIE AUSSTELLUNG „GESICHTER DER ERINNERUNG: DIE BILDER DER RAZZIA DES ‚GRÜNEN ZETTELS‘“ MIT FOTOGRAFIEN VON HARRY CRONER

Berlin, 11. Mai 2026 – Zum 85. Jahrestag der Razzia des „grünen Zettels“ (14. Mai 1941) eröffnet die Claims Conference heute in Zusammenarbeit mit der Französischen Botschaft in Deutschland, der Kommission für die Restitution von Kulturgütern und die Entschädigung der Opfer antisemitischer Enteignungen (CIVS) und dem Mémorial de la Shoah in Paris die Ausstellung „Gesichter der Erinnerung: Die Bilder der Razzia des grünen Zettels“. DIE RAZZIA DES GRÜNEN ZETTELS Im Mittelpunkt der Ausstellung steht die erste große Razzia gegen Jüdinnen und Juden in Frankreich. Dieses Ereignis markiert einen Wendepunkt in der antisemitischen Politik der deutschen Besatzungsmacht: Auf Befehl von SS und Gestapo verhaftete die französische Polizei in Paris etwa 3.800 jüdische Männer und verschleppte sie zunächst in die Lager Pithiviers und Beaune-la-Rolande, wo sie 13 Monate interniert waren. Etwa 700 von ihnen gelang die Flucht. Rund 3.100 der bei der Razzia des „grünen Zettels“ festgenommenen Männer wurden im Juli 1942 in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau weiterverschleppt und dort ermordet.

Rüdiger Mahlo, Repräsentant der Claims Conference in Europa, erklärt:

„Dass diese Fotografien heute erstmals in Deutschland gezeigt werden, hat eine besondere historische und moralische Bedeutung. Sie dokumentieren die Razzia des ‚grünen Zettels‘ als eine frühe Etappe der systematischen Verfolgung der Jüdinnen und Juden in Frankreich und zeigen zugleich, wie Harry Croner die Menschen nicht als anonyme Opfer, sondern in ihrer Würde und Individualität festhält. Heute erleben wir in mehreren europäischen Gesellschaften erneut Anfänge der Ausgrenzung von Jüdinnen und Juden – diese Bilder sind für uns zugleich Mahnung und Verpflichtung.“

François Delattre, Botschafter Frankreichs in Deutschland, betont:

„Während Geschichtsverfälschung in Europa und darüber hinaus stark zunimmt, ist es heute wichtiger denn je zu betonen, dass unser kollektives Gedächtnis auf Archiven, Zeugenaussagen und unabhängiger historischer Forschung beruhen muss. Die eindrucksvolle und sehr bewegende Ausstellung über die Razzia des grünen Zettels zeigt dem Publikum, dass die aufgeklärte Kenntnis der dunkelsten Kapitel unserer gemeinsamen Geschichte heute die Grundlage der Wertegemeinschaft bildet, die Frankreich und Deutschland verbindet.“

Jacques Fredj, Direktor des Mémorial de la Shoah in Paris, sagt:

„Nach der Entdeckung dieser bislang unveröffentlichten Fotografien, mehr als 80 Jahre nach seiner Gründung, richtet das Mémorial de la Shoah, das größte Archivzentrum zur Shoah in Europa, einen Aufruf an die Öffentlichkeit: ‚Ihre Archive haben einen Wert – vertrauen Sie sie uns an und tragen Sie zur Bewahrung der Geschichte der Shoah bei.‘“

Liliane Ryszfeld, Überlebende der Shoah, erklärt:

„Die Razzia des grünen Zettels hat mein Leben für immer verändert. Mein Vater wurde vorgeladen, und ist nie mehr nach Hause zurückgekehrt. Die wiedergefundenen Fotos sind für mich ein weltbewegendes Ereignis. Während unsere Generation nach und nach verschwinden wird, hoffe ich, dass trauernde Familien noch weitere Dokumente finden, damit die ganze Wahrheit ans Licht kommt. In Deutschland bei jungen Menschen zu sein, lässt mich auf eine friedliche Zukunft für die kommenden Generationen hoffen. Denn ich habe so sehr gelitten. Diese Razzia war der Auslöser all meiner Albträume.“

Die Ausstellung ist ein wichtiger Beitrag zur Erinnerungsarbeit. Sie beleuchtet ein bisher kaum bekanntes historisches Ereignis und versteht sich als Mahnung und als Einladung, zu einer vertieften Auseinandersetzung mit der Shoah in der Gegenwart.

Die Ausstellung ist zugleich das Ergebnis der vertrauensvollen Zusammenarbeit zwischen der Claims Conference, der Französischen Botschaft in Deutschland, der Kommission für die Restitution von Kulturgütern und die Entschädigung der Opfer antisemitischer Enteignungen (CIVS) und dem Mémorial de la Shoah in Paris.

DIE BILDER DER RAZZIA DES GRÜNEN ZETTELS – EINE BEDEUTENDE ENTDECKUNG

Im Zentrum der Ausstellung, die von der Claims Conference konzipiert wurde, stehen 98 Fotografien des deutsch-jüdischen Fotografen Harry Croner, die im Besitz des Mémorial de la Shoah sind. Die Fotos wurden 2020 entdeckt und der Öffentlichkeit erstmals am 10. Mai 2026 in Paris und einen Tag später in Berlin präsentiert.

Die im Auftrag der Propaganda-Kompanie der deutschen Wehrmacht entstandenen Bilder dokumentieren die ersten Verhaftungen ausländischer Juden in der von Deutschland besetzten Zone und ihre unmittelbaren Folgen. Sie sind fotografische Belege für die bisher ausschließlich von Zeitzeugen überlieferten Ereignisse.

Lior Lalieu, Leiterin der Fotothek des Mémorial de la Shoah, hat dieses außergewöhnliche Konvolut von Fotos untersucht und Bild-Legenden verfasst, durch die die historische und menschliche Dimension dieser ersten gegen Juden gerichteten Razzia in Paris verständlich wird. Ihr gemeinsam mit Jean-Marc Dreyfus verfasstes Buch „La Rafle du ‘billet vert’“ erschien am 10. April 2026.

Der Leiter des „Judenreferats“ der Gestapo in Paris, SS-Hauptsturmführer Theodor Dannecker, beauftragte den 1940 zur Wehrmacht eingezogenen Berliner Fotografen Harry Croner mit der Dokumentation dieser ersten Razzia. Aufgrund seiner jüdischen Herkunft (väterlicherseits) wurde Croner nach 18 Monaten als „wehrunfähig“ eingestuft. 1944 wurde er in einem Arbeitslager an der französischen Kanalküste interniert. Im März 1945 geriet er in amerikanische Kriegsgefangenschaft und wurde im April 1946 freigelassen. Er kehrte nach Berlin zurück und wurde ein anerkannter Presse- und Theaterfotograf. Er starb im September 1992 in Berlin. Seit 1989 wird sein fotografischer Nachlass im Stadtmuseum Berlin aufbewahrt.

 

INFORMATIONEN ZUR AUSSTELLUNG:

  • Die Fotografien von Harry Croner wurden der Claims Conference vom Mémorial de la Shoah zur Verfügung gestellt
  • Ausstellungstexte: Lior Lalieu (Mémorial de la Shoah)
  • Deutsche Übersetzung: Dr. Ruth Kinet (Claims Conference)
  • Ausstellungskonzept in Berlin: Dr. Ruth Kinet, Cornelia Levi (beide Claims Conference), Christin Franke (https://christinfranke.design/)
  • Produktion: Dr. Ruth Kinet und Anias Peymann (beide Claims Conference)

ERÖFFNUNG DER AUSSTELLUNG:

Höhepunkt der Eröffnungsveranstaltung am Montag, den 11. Mai 2026, um 18:00 Uhr ist ein Gespräch mit der Shoah-Überlebenden Liliane Ryszfeld, die eine der letzten lebenden Zeuginnen der Razzia des „grünen Zettels“ ist, moderiert von Ruth Kinet (Claims Conference).

Das offizielle Programm umfasst außerdem Ansprachen von:

  • S. E. François Delattre, Botschafter Frankreichs in Deutschland
  • Rüdiger Mahlo, Repräsentant der Claims Conference in Europa
  • Jacques Fredj, Direktor des Mémorial de la Shoah

sowie eine Einführung in die Fotografien durch Lior Lalieu, Leiterin der Photothek des Mémorial de la Shoah in Paris, und anschließende Vernissage der Ausstellung in der Rue de France.

PRAKTISCHE HINWEISE :

  • Anmeldung erforderlich bis zum 6. Mai 2026: civs.berlin-amba@diplomatie.gouv.fr (begrenzte Plätze)
  • Einlass und optionale Führung durch die Ausstellung ab 16:30 Uhr (Eingang: Wilhelmstraße 69)
  • Bitte bringen Sie einen gültigen Lichtbildausweis mit
  • Simultanübersetzung Französisch/Deutsch verfügbar

Die Ausstellung ist nach vorheriger Anmeldung bis zum 9. Juli 2026 montags bis freitags nach Anmeldung während der Öffnungszeiten der Botschaft zugänglich.